Steine II

Es war, als würde er das erste Mal ein Zuhause betreten. Er kannte das Layout, hatte ein mental abstrahiertes Abbild davon in seinem Kopf: Vorzimmer, Wohnzimmer, Küche. Schlafzimmer, Badezimmer, Toilette. Die knirschende Fußmatte unter seinen Sportschuhen. Doch als er den Schlüssel mit zittrigen Händen aus der Jackentasche hervorzog und ihn konzentriert ins Schlüsselloch bemühte, als er die Augen vor dem Umdrehen schloss und noch einmal tief durchatmete, war es nicht ganz dasselbe. Dies war kein Prototyp. Es war sein Zuhause. Es würde sein Zuhause werden.

Die Tür fiel hinter ihm ins Schloss, er wagte kaum den Blick zu heben, aus Angst, die Eindrücke würden ihn erschlagen. Die Augen geschlossen, ein Atemzug. Chemie und Kälte in seinen Nasenhöhlen. Schlüssel und Hand verschwanden in der Hosentasche. Und dann ein Moment der Desorientierung. Die Wände waren frisch und weiß, ein einsames Spinnennetz spannte sich von der nächsten Türklinke schräg nach links oben und fing die Sonne ein. Licht, die Fenster, um den Bezug zur Außenwelt nicht zu verlieren. Ein Tisch stand an der Wand des ersten Raumes, genau gegenüber von wo er eingetreten war, daneben ein Kühlschrank, ein Gasherd, ein Waschbecken. Ein einsamer Stuhl in der Mitte des zweiten, kleineren, der nur durch einen Mauervorsprung abgetrennt war, eine Matratze leicht schräg dahinter. Er fühlte sich ein wenig wie ein Eindringling in diesem Stillleben. Ein Kuvert am Fensterbrett zog ihn weiter in den Raum hinein, darauf stand sein Name. Das hieß: Er war hier richtig, er gehörte hierher. Auf Deutsch und Arabisch hieß man ihn willkommen, ein Unbekannter namens Moritz kündigte sich für den späten Nachmittag an. Er werde ihm alles Weitere erklären, mit ihm in den nächsten Wochen die Amtswege und sonstigen Hürden erledigen. Der Blick aus dem Fenster führte in eine neue Welt. Seine neue Welt. Eine Welt, in der Nachbarskinder zusammen im Hof spielten, während sich Hundegebell und Klaviermusik aus den gegenüberliegenden Wohnungen vermischten. Durch die Fenster drangen ihre Stimmen und Geräusche gedämpft in seine Wahrnehmung. Er war nicht allein, und in seiner Vorstellung war er sogar einmal noch weniger allein. Auch seine Kinder könnten schon bald neben diesen laufen und lärmen und lachen, ein Teil dieser Welt werden. Verschwommene Träume von Zukunftsmusik, eingerahmt in Hoffnung und Unsicherheit. Irgendwo ein Motorrad, dann ein Rettungswagen.

Seine Augen tasteten weiter die fremden Oberflächen ab, als er sich schließlich auf den Sessel sinken ließ. Stoff, Holz, Rigips. Weiß und braun und wieder weiß, zwischendurch ein Schatten, sein Schatten. Die kühle Luft kroch langsam unter seine Jacke. Doch Moritz würde bald kommen, diesmal war das Warten absehbar. Ein Nicken, ein Atemzug. In seinem festen Griff hatten sich die Zacken des Schlüsses in die Haut der Handinnenflächen gegraben. Er ließ los. Sein Ankommen hatte begonnen.

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