Steine

Ein Stein liegt auf ihrer Brust, der ihr den Atem nimmt. Die Luft ist dick und verbraucht, es riecht nach Erde, kaltem Schweiß und Verzweiflung. Es ist stickig und heiß, zu eng und zu dicht, doch sie friert. Die Beengtheit macht es ihr unmöglich, oben und unten auseinanderzuhalten, doch sie kann sich noch erinnern. Zumindest denkt sie das, doch eigentlich macht es keinen Unterschied. Die Orientierung hat sie längst verloren und es kann immer nur weiter gehen. Der Weg war steinig, Zurück gibt es nicht.

Nichts als Steine auch unter ihr, sie graben sich tief ins Fleisch, in die Knochenzwischenräume. In unregelmäßigen Abständen bewegt sich etwas um sie herum, ein Stein beginnt, und alle müssen mitziehen. Manchmal macht das Holpern eine Pause, Stillstand. Dann hat sie Angst. Wenn es weiter geht, schlägt ihr Kopf leicht gegen eine Stange. Die Angst vergeht und die Bedrückung kommt zurück. Jeder Moment Bewegung bringt sie ein bisschen weiter weg von ihrem alten Leben. Jeder Moment könnte ihr letzter sein, wenn sie nicht vorsichtig ist, oder das letzte Stückchen Sauerstoff aufgebraucht. Doch daran darf sie nicht denken.

Sie denkt an das Gefühl von Sonne auf ihrer Haut, Wasser in ihren Händen. Ihre Beine sind müde, doch zu laufen wäre eine Erlösung. Sie denkt an die Melodie, die ihre Mutter manchmal für sie gesungen hat, die sie ihrem Sohn singen wird, wenn sie ihn wiedersieht. Sie kann in Gedanken beinahe die Blumen auf ihrem Balkon riechen, und die Suppe, die in der Küche vor sich hin simmert. Sie freut sich auf den warmen Geschmack, doch der Hunger ist ihr schon lange vergangen. Dann hört sie Schüsse, Schreie. Menschen laufen über wüste Straßen, zwischen unbewohnten Häusern. Mauern fallen, doch sie bringen keinen Frieden. Der Abschied war schwer, die Hoffnung bittersüß.

Die Gegenwart holt sie ein, als ein Kopf auf ihre Schulter fällt. Der neben ihr muss schlafen, oder zumindest hofft sie, dass er nur schläft. Sie glaubt, an seinem Hals etwas pochen zu spüren, denn sehen kann sie nichts. Es könnte auch ihr eigener Herzschlag in der Dunkelheit sein. Sie glaubt, sie muss ersticken, doch sie verbietet es sich. Sie versucht, sich eine Zukunft vorzustellen, eine Zukunft in Sicherheit. Sie sieht eine alte Frau und meint, sich darin zu erkennen, doch alles rundherum bleibt schwarz. Irgendwann verblasst auch sie. Die Idee ist weg, der Gedanke nicht denkbar. Der Stein auf ihrer Brust wird schwerer, bis sein Gewicht unerträglich scheint. Ungewissheit schnürt ihr die Kehle zu. Am Ende dieser Reise wartet Freiheit oder Tod.

Advertisements

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

w

Connecting to %s