Blau

 graffiti

 

 

“Du kannst sie nicht einfangen, festhalten.”

“Niemals?”

“Niemals.”

Er starrte nach draußen oder auf seine Hand, die dort, wo seine Finger gerade noch waren, auf der Fensterscheibe Schlieren hinterließ. In seinen Augen stauten sich Tränen, die beim nächsten Blinzeln mit schwarzem Kajal vermischt auf seine Wangen treiben würden. Sie hinterließen dunkle Flecken auf dem Ärmel seines grünen Pullovers, als er sie zaghaft mit der anderen Hand wegwischte. Sein Atem ließ die Scheibe erneut anlaufen, seine Finger glitten weiter, mehr Tränen, neue Flecken.

Die Stimmung nach dem Wolkenbruch ließ die Stadt in sanftem Blau erscheinen, während sie beobachteten, wie Straßenbahn um Straßenbahn beinahe im Minutentakt vorbeiratterte. Bei dem Gedanken an die vielen Menschen, deren Weg unaufhörlich hier vorbei führte und der doch nur einen winzigen Ausschnitt ihrer Universen darstellte, fühlte sie sich ganz klein. Sie mochte diesen Gedanke, sie mochte das Gefühl. Der Regen hatte Pfützen auf dem unebenen Pflaster hinterlassen, in denen sich die Welt auf den Kopf stellte. Von Zeit zu Zeit störte ein einzelner Tropfen das Bild und löste Wellenkreise aus.

Halb aus dem Augenwinkel, halb durch die Spiegelung im Glas, studierte sie seine reglosen Gesichtszüge. In der Dämmerung zeichneten ihn nur das Heben und Senken seines Brutskorbes und der gelegentliche Wimpernschlag von der weißen Wand hinter ihm ab. Er hatte aufgehört zu weinen. Sie hörte nie auf zu versuchen, ihn zu befreien.

[Danke an T. für den Schreibimpuls]

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