We are the stories we tell ourselves.

(Shekhar Kapur, 2009)

Sie ist eine 51-jährige Architektin, Hundebesitzerin, Alleinerzieherin, Theaterliebhaberin, Amateurfußballspielerin. Aber sie könnte alles sein, alles werden. Alles, was sie sich erdenken, erträumen, erzählen könnte. Sie muss nur ihre Geschichte ein bisschen anders erzählen. Manchmal, wenn sie jemanden kennenlernt, stellt sie sich vor, wie es wäre, eine andere zu sein. Eine Burgschauspielerin vielleicht, oder einfach Großmutter. Manchmal ist sie jemand anderes, nur um zu beobachten, wie die Leute reagieren, um zu sehen, wie es auch sein könnte.

Er ist ein 35-jähriger Krankenpfleger, WG-Bewohner, Städtereiser, Freizeitfotograf, Glatzenträger. Er ist, was er ist. Er ist es nicht besonders gerne, nicht besonders gut. Aber mit der Realität spielt man nicht Roulette und sie ist auch nicht schwarz-weiß – oder -rot, um der Metapher treu zu bleiben. Er liest manchmal Pflegezeitschriften, hat einen Fotoblog und weil seine WG regelmäßig Partys macht, ist er öfter auf WG-Partys als vor 10 Jahren. Mittlerweile beherrscht er den sozialen Kennenlerntango ganz gut. “Also, was machst du beruflich?”

Sie hasst diese Frage. Weil es diese eine Schublade ist, aus der sie dann nicht mehr raus kommt. Bist du Architektin, so bist du Akademikerin, bist irgendwo zwischen Kunst, Statik und Baustelle und musst zu jedem einzelnen Gebäude hier und überall eine ganz spezifische Meinung haben. Tagsüber entwirfst du akribisch Traumhäuser und abends philosophierst du über Smart Cities und Dachbodenausbauten. Im besten Fall hat ihr Gegenüber so wenig Ahnung von und Interesse an ihrem Berufsfeld, dass es ohne zu zögern zur nächsten Frage übergeht. Im schlimmsten Fall beginnt es irgendeine an den Haaren herbei gezogene Geschichte, die über 5 Ecken einen Berührungspunkt herzustellen versucht. Die Tante der Freundin eines Patenkinds baut gerade ein geerbtes Haus um. Vor 20 Jahren hatte der Freund einer Freundin sein Studium abgebrochen. Erst neulich stand dieses und jenes in irgendeiner Tageszeitung..
Manchmal antwortet sie trotzdem, manchmal antwortet sie nicht. “Ist das wichtig?” Es liegt nicht daran, dass sie ihren Beruf nicht mag, sie liebt ihn sogar. Aber es hat nichts mit ihrer Persönlichkeit zu tun.

Irgendwie wäre es ihm wichtig, aber an ihrem Unterton erkennt er, dass er darauf nicht beharren sollte. Er ist nicht ganz sicher, seit wann eine Frage wie diese in einer Situation wie dieser unangemessen wäre, doch er lässt sich darauf ein. Vielleicht ist es ihr unangenehm, vielleicht ist sie arbeitslos, oder vielleicht muss er von sich aus mehr Information preisgeben, um das Eis zu brechen. “Ich bin Krankenpfleger. Bist du hier aus der Gegend?”

“Nein, ich bin nur für ein paar Tage hier. Kannst du mir irgendwas empfehlen?” Je nachdem, wie man ‘hier aus der Gegend’ interpretiert, ist das nur eine halbe Lüge. Sie hofft, so vielleicht etwas Neues, Spannendes zu entdecken. Etwas, das ihrem Akademikergehirn mit seinen Akademikergehirnfreunden bisher entgangen ist. Sie hofft, ihren Horizont zu erweitern, anstatt zum hundertsten Mal breitzutreten, wieso sie hierher gezogen ist und wie sie ihre Freizeit gestaltet. Was sie macht, kennt sie bereits. Es langweilt sie nicht, aber es bringt sie auch nicht weiter. Sie möchte etwas Anderes von diesem Abend mitnehmen, als dass andere dieselben Probleme wie sie mit Hunde- und Kindererziehung gemacht und sich auch beim ersten Mal in Shakespeares Macbeth verliebt haben.

“Ich weiß nicht, wofür interessierst du dich denn?” Noch bevor er die Frage ganz ausgesprochen hat, erahnt er bereits, in welche Richtung ihre Antwort gehen würde. Eine Frau, die nicht zu ihrem Beruf stehen kann, würde sich wohl kaum auf eine handvoll Interessen festnageln lassen. Oder schätzt er sie da vollkommen falsch ein?

“Ich mag Fotografie.” Wiederum nicht die ganze Wahrheit, aber auch nicht ganz aus der Luft gegriffen. Vielmehr zählt es zu jenen vielen Dingen, für die sie bisher nur noch nicht den Anlass oder die Zeit gefunden hat, sich damit näher zu beschäftigen. Was ihrer Faszination allerdings keinen Abbruch tut – und einen Versuch ist es wert, noch eine Frage mit einer Gegenfrage abzublocken würde das Gespräch gleich in eine Sackgasse führen. Vielleicht hat sie Glück. Vielleicht.

“Tatsächlich? Damit kann ich dienen.” Einen halben Moment lang schwebt er irgendwo zwischen dem Zweifel, dass sie dabei ehrlich ist und dem seltsamen Gefühl, man könnte ihm seine Leidenschaft äußerlich ansehen. Doch wer ist er, diese Gelegenheit, die ihm das Leben unverhofft zuwirft, zu verweigern. Dieser Abend ist dabei, eine Wendung zu nehmen, die ihm mehr als lieb ist – vielleicht würde er heute sogar noch ein wenig Spaß haben.

Es gibt wenig, das sie mehr beflügelt, als einem Menschen zuzuhören, der mit aufrichtiger Begeisterung ein für sie völlig neues Kapitel aufschlägt. Ganz besonders, wenn dies aus einer Situation hervor geht, in der sie überhaupt nicht mehr damit gerechnet hat. Seine Augen strahlen, seine Arme gestikulieren mal wild durch die Luft, mal zeichnen sie weiche Formen. Er redet sich den Mund und ihre Ohren wund. Kaum zu glauben, dass er beinahe versucht hat, mit ihr über Einfamilienhäuser zu sprechen.

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