Nichts als frei

Es riecht nach Sommer. Nach Abenteuerlüsten, Nachtspaziergängen und Übermut. Wir stehen am Bahnhof, teilen uns eine Zigarette und kosten das betretene Schweigen der Abschiedssituation voll aus.

“Schön, dass du gekommen bist.”
“Ja, es war echt super.”

Einzelne Zwischensätze, ein verlegenes Lächeln, mein Zug kommt in 8 Minuten. Und sie weiß gar nicht, wie sehr ich sie mag. Sie hat keine Ahnung, wie wichtig sie mir ist und wie gerne ich viel öfter, viel länger, viel intensiver Zeit mit ihr verbringen würde. Der Wind spielt mit ihren rotbraunen Haaren, lässt sie viel kindlicher aussehen, als sie ist. Ich möchte hier gar nicht weg. Bin in Gedanken irgendwo zwischen meiner Zuglektüre und dem Wunsch, meine Abreise noch ein wenig hinauszuzögern, mich weiterhin an ihrer Gegenwart zu erfreuen. Ihre graublauen Augen strahlen eine Klarheit aus, in der ich mich vollkommen geborgen fühle, und erinnern mich an den Moment, in dem ich erst vor wenigen Tagen aus einem anderen Zug ausgestiegen und mehr oder weniger direkt in ihre Arme gefallen bin. Das Herz voll Vorfreude, die Lungen voll Sommerluft und die Gedanken nichts als frei. Noch 5 Minuten.

Ich möchte nochmal in ihr Auto steigen, nochmal auf irgendeiner Landstraße bei offenem Fenster aus vollem Hals Don’t stop me now mitsingen. Auf dem Weg irgendwohin, nirgendwohin, das Alltagsgrau hinter uns lassen, herzhaft lachen, über Wiesen tanzen und das Leben so nehmen, wie es kommt, weil es genau so – einfach gut ist. In Gedanken träume ich einen Sonnentag herbei, der nie vergeht. An dem wir durch endlose Felder ziehen, die grünen Triebe an unseren Knöcheln vorbeistreifen spüren und laufen, laufen, laufen. Bis uns die Erschöpfung auf den Boden holt und der Blick in den Himmel unsere Augen kitzelt. Wir haben uns viel zu sagen, doch manchmal brauchen wir keine Worte.

Chris Lohner bringt mich zurück in die Realität, in wenigen Minuten wird mein Zug einfahren, werden sich unsere Wege trennen. Sie lächelt mir seufzend zu, als ob sie erahnen könnte, wo ich noch vor wenigen Momenten in meinen Gedanken war. Vielleicht war sie auch dort. Um uns herum hat sich der Bahnsteig mit Menschen gefüllt, Menschen auf dem Weg, Menschen mit Ziel. Ich drehe meinen Kopf nach links, mein Blick fällt auf die Anzeigetafel, auf die Uhr, auf den in der Ferne bereits sichtbaren Zug. Auf die Stiegen, die zum Bahnhof, zum Ausgang, zurück auf die Straße führen. Zurück in ihre Augen.

“Weißt du, du könntest…”

Der Rest ihres Satzes wird vom Schienenlärm verschluckt, oder vielleicht hat sie auch gar nicht weiter gesprochen, denn im selben Moment schultere ich meinen Rucksack, schließe sie noch einmal in meine Arme und drücke sanft ihre Hand, bevor ich einsteige. Ein letzter Blick aus dem Fenster, und sie ist verschwunden. Der Rest ihres Satzes wird vom Schienenlärm verschluckt, oder vielleicht hat sie auch gar nicht weiter gesprochen, denn im selben Moment schultert sie meinen Rucksack, greift nach meiner Hand, wirft mir ein verstohlenes Lächen zu und geht zwei Schritte vom Gleis weg. Und ich gehe mit.
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