Unecht

Falscher Ehrgeiz und ein bisschen Kopfweh, von zu viel Kaffee, zu viel Nikotin, zu viel Schatten, um auf die Sonnenseite zu wechseln. Zu viel Wind um nichts und alles, zu viel vom Leben – alles in allem. Er wusste nichts mit sich anzufangen. Seit er morgens zur Arbeit gefahren war, hatte er mehr Zeit mit Rauchpausen verbracht, als mit den Dingen, für die er bezahlt wurde. Seither stapelten sich unterschiedliche Akten und Portfolios auf, unter und neben seinem Schreibtisch und näherten dessen Zustand dem in seinem Kopf an: Chaos.
Bestimmt wimmelte dieses Unternehmen und überhaupt die ganze Welt nur so von pflichtbewussten Menschen, ständig auf der Suche nach der nächsten Herausforderung, der nächsten Niederlage, dem nächsten Neuanfang. Die auch nach dem hundertsten Mal wieder aufstanden, Tatendrang immer im Gepäck. Doch er war bestimmt keiner davon. Bestimmt hatte es sein Gutes, nicht vor permanenter Selbstüberschätzung total identifikationslos zu enden. Ein realistisches Bild seiner selbst und dem seiner Mitmenschen hatte für ihn schon immer Priorität vor halb-ehrlichen Komplimenten oder selbstgerechten Urteilen gehabt. Im Bewusstsein der eigenen Frustrationsgrenze – musste man sich da wirklich noch zu Höherem, Besserem, Unechtem zwangsmotivieren?
Doch diese Zeiten schienen vorüber. Der Uhrzeiger schob sich unaufhaltsam Richtung Mittagspause voran, und die Papierstapel an seinem Platz nahmen nicht ab. Vielleicht hätte er sich einen Tag Krankenstand gönnen sollen. Vielleicht hätte er das sogar getan, wenn da nicht die Befürchtung davor wäre, was ihn zuhause erwarten würde. Sinnentleerte Stunden zwischen Couch, Fernsehmonotonie und halbherziger Lektüre. Stille für den anspruchsvollen Geist, der die Stille ausfüllen wollte. Mit Gedanken, die in überfordernder Arbeit zu ersticken ihm gelegener kam. Die Strategie war nicht aufgegangen, nicht heute.
Wie lange konnte er sich innerlich quälen ohne mit Hämatomen davon zu kommen? Wie sehr an sich selbst zweifeln, bevor er sich spontan in Luft auflöste? Hätte es jemals eine Alternative zu diesem Bürojob gegeben, und hätte er sie noch so verschwommen nur aus dem Augenwinkel wahrgenommen, er hätte sie an sich gerissen und nicht mehr losgelassen. Falls er dazu die Kraft oder den Mut gehabt, oder überhaupt die Notwendigkeit verpürt hätte. Sein Leben könnte gar nicht viel besser sein, oder zumindest sehr viel schlechter und wer war er, dass er das Recht hätte, sich zu beschweren. Er musste doch nur funktionieren. Vor seinen Augen verschwammen die Buchstaben und Zahlen mit dem tannengrün seiner Schreibtischauflage. Mit halb gesenkten Lidern versuchte er ein weiteres Mal, irgendwo ein kleines Stück Konzentration hervorzukratzen, ein bisschen leuchtstoffröhrendurchstrahlte Klarheit. Er konnte jeden Teil seines Körpers fühlen, ganz besonders die Peripherie, und das Meiste davon fühlte sich nicht unbedingt gut an. Es fühlte sich aber auch überhaupt kaum irgendwie an, denn viel war da wirklich nicht zu fühlen. Normalzustand und Randerscheinungen gingen nahtlos ineinander über, gepaart mit einem generellen Unwohlsein, das er jedoch kaum noch wahrnahm. Es war Teil seiner Routine, perfekt eingepasst in die Alltagseinförmigkeit, die zumeist gar keinen Platz für Außergewöhnliches ließ. Seine Unproduktivität an diesem Vormittag stellte genau genommen einen massiven Einbruch darin dar. Als sich um ihn herum die Bürostuhllandschaft kurz nach zwölf Uhr zu lichten begann, quellte die Leere förmlich aus seinen Augen heraus.
Was er wohl dafür geben würde, nur einmal ein richtiges, gutes Gefühl zu haben – wobei auch immer.

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