Erinnerung

Um ihren Hals lag die Kette ihrer Großmutter. Sie stand vor dem Spiegel, mit der Kette um ihren Hals, und warf befremdete Blicke auf den Boden und ihr Spiegelbild. Im Stiegenhaus schlug die schwere Pendeluhr, schon zum dritten Male seit sie hier so stand und versuchte, sich an den Anblick zu gewöhnen. Sie hielt es kaum noch aus, sich und das mittlerweile warme Metall an ihrem Körper zu sehen, doch sich wegzudrehen, wegzugehen gelang ihr nicht. Immer wieder kamen nebelig Erinnerungen in ihr hoch, brachten sie zum Lächeln oder trieben ihr Tränen in die Augen. Es war noch zu frisch. An ihrem neunundachtzigsten Geburtstag, der ihr letzter sein sollte, hatte sie diese Kette getragen, und wahrscheinlich hatte sie am Morgen genau an dieser Stelle gestanden und sie angelegt, die Falten an ihrem Rock glatt gestrichen. Bei dem Gedanken verschwamm wieder die Welt vor ihren Augen, wieder floss eine einzelne Träne die blassen Wangen hinab, in ihren Mundwinkel oder weiter über Kinn und Hals. Und hinterließ beim Trocknen eine mascaraschwarze Salzspur. Sie legte ihre Hand auf das Schlüsselbein, wo unter dem Anhänger ihr Herz fast bis zum Hals hinauf schlug. Doch war ihr zumute, als könnte es jeden Moment der letzte Schlag sein. Vielleicht würde es irgendwann leichter werden, vielleicht in einem Monat oder zwei, sicher in einem Jahr. Irgendwann würde sie diese schmerzvolle Zeit hinter sich lassen, bestimmt. Doch wenn dies bedeutete, auch die Erinnerungen hinter sich zu lassen, die ihr diesen Schmerz bereiteten, so entschiede sie sich ohne zu zögern für den Schmerz, jedes Mal von Neuem. Wenn nur etwas von ihrer Großmutter in ihr weiterleben könnte, so wäre dies jeden Schmerz der Welt wert. Nichts lässt Wunden schneller heilen als Vergessen, und nichts lässt Liebe schneller sterben.

Es verging kein Tag in diesem Monat, an dem sie nicht an ihre Großmutter gedacht hätte. Schon ein Jahr war vergangen, seit sie gegangen, ein Jahr voll Erinnerung und neuen Lebens. Ein Jahr der regelmäßigen Besuche in dem alten Haus, als wäre sie nie gegangen, als wäre alles beim Alten, wäre da nicht diese Stille, diese Leere. Langsam hatten sich die Tische, Kästen und Regale geleert, ihnen folgten die Zimmer. Alles wirkte größer und fremder, als wäre der so entstandene Platz nicht mehr ihr Platz, sondern Platz für etwas Anderes, etwas Neues. Ihr Weg führte von Raum zu Raum, auf der Suche nach etwas, das auch ihre Erinnerung lebendig und neu halten konnte, und tatsächlich war da noch jede Menge. Die alten Holzböden gaben vertraut knarrend unter ihren Stiefeln nach, die vergilbten Tapeten zeugten von Jahrzehnten des Aufwachsens und Zusammenlebens. Die Blumen in der Fensterbank gediehen unbeirrt und die zarte Frühlingssonne konkurrierte mit dem Licht der altmodischen Lampenschirme. Ihr Anblick versetzte sie zurück in eine unbeschwerte Zeit, als sie am Sonntagnachmittag bei Kaffee und Kuchen die Erwachsenen mit dem Dimmschalter der Lampe zu ärgern versuchte. Ein trauerndes Lächeln huschte über ihr Gesicht, eine einzelne Träne rollte ihre Wange hinab. Das alte Haus war nicht leer, und nur ein bisschen fremd, und der Schmerz würde irgendwann leichter werden. Sie griff um den Anhänger ihrer Kette, der Kette ihrer Großmutter, die Faust auf dem Schlüsselbein ruhend. Nichts lässt Wunden schneller heilen als Liebe, und nichts lässt Erinnerungen länger leben.

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