Sommer

Sie schlief wenig und schlecht, und das vielleicht schon den ganzen Sommer lang. Die heißen Tage waren am schlimmsten, wenn sie nachts schweißgebadet aufwachte und dann stundenlang Löcher in die weißen Wände ihres Zimmers starrte. Sie stellte sich vor, dass es den anderen Mitbewohnern ähnlich ging, vielleicht lagen sie alle gerade gleichzeitig wach, in jedem Zimmer einer, und fanden den Schlaf vor Hitze nicht. Vielleicht. Doch auch wenn es wieder abkühlte und der Wind sanft frische Luft durch die Fenster blies, oder Regentropfen monoton auf das Fensterbrett prasselten, holte sie nicht der Schlaf. Sie stellte sich dann vor, sie könne die Tropfen zählen, oder die Windstöße, die den seidigen Vorhang durchs halbe Zimmer flattern ließen. Oder die vorbeifahrenden Autos, deren Reifen für einen kurzen Moment mit dem aufgeheizten Beton, oder der nasskalten Straße verschmolzen, um sich bereits in der selben Sekunde wieder loszulösen. Auf zu neuen Zielen, neuen Reifenspuren, Regenstraßen.
Halb abwesend starrte sie manchmal gegen die Wand, gegen die Decke und wenn sie angestrengt nachdachte, kniff sie ihre Augen zusammen, als müsse sie einen Punkt da drüben fokussieren und nicht mehr loslassen. Es fiel ihr dann schwer, die Augen zu schließen und in ihrem Kopf wuchsen aus den Rissen an der Wand die eigenartigsten Figuren, Wälder von Telefonmasten, narbenübersähte Buchseiten. Sie spürte die Schweißtropfen in ihrem Nacken, die Haare klebten an der Stirn wie vergessene Fliegen im Spinnennetz. Ihr ganzer Körper glühte förmlich und mit jeder Bewegung ging eine Hitzewelle geradewegs durch sie durch, im Takt ihres Herzens.
Manchmal stand sie auf, nur um den Boden zu fühlen, der die Wärme des Tages noch gespeichert hatte, aber sich trotzdem kühl anfühlte, um sich aufs Fensterbrett zu setzen und darauf zu warten, dass ein einzelnes Auto den tristen Anblick durchkreuzte. Lange saß sie so da, bevor der Durst nach Kühlem sie überwältigte, bevor ihre Füße sie durch den langen dunklen Gang in die Küche trugen. Ihre Fingerspitzen streiften links an der rauen Wand entlang, bis sich eine dünne Kalkschicht darauf gebildet hatte, die sie dann mit einer Bewegung des Daumens abstreifte. Aus den Zimmern drangen Schlafgeräusche, Laute von Menschen, die mit ihr unter dem selben Dach wohnten, und die sie kaum jemals gesehen hatte. Schleppend öffnete sie die Schiebetür und suchte sich in der Dunkelheit ihren Weg zum Waschbecken, griff nach einem Glas während der Wasserstrahl das Metall zum Rauschen brachte. Sie drehte sich um und blieb reglos stehen, bevor ihre Lippen das ersehnte Nass zu spüren bekamen. Ein junger Mann saß auf der Couch in der anderen Ecke des Raumes, er war wach, doch ihre Blicke trafen sich nicht. Augenblicke verstrichen, jeder wie eine Unendlichkeit, und nur das Heben und Senken der Brustkörbe durchbrach die Starre. Auch er war ein Schlafloser, dachte sie bei sich, auch er auf der Suche nach nichts Bestimmtem und dem Ende der Nacht. Zögernd setzte sie ihren Weg fort, ließ die Meter, die sie von ihrem unbekannten Gegenüber trennten, hinter sich. Sie konnte seine Silhouette erahnen, eine flackernde Straßenlaterne tauchte eine Hälfte seines Gesichts in unstetes neongrau. Als ihre Zehen gegen die Couchfüße stießen, blickte er auf und starrte sie an, mit zusammengekniffenen Augen und einem erschöpften Lächeln. Hundert Gedanken blies er mit seinem Blick aus ihrem Kopf, und in der Leere ließ sie sich auf die Couch fallen, direkt neben ihn. Ich bin Julia.

 

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One thought on “Sommer

  1. Ich konnte noch nie gut schlafen, wenn es so fürchterlich heiß war, wie in der letzten Woche. Der Hochsommer war durchweg warm, die Sonnen brannte tagsüber vom Himmel herunter, als hätte sie nichts anderes zu tun, als all diejenigen zu ärgern, die mit Wärme nichts anfangen konnten.
    Vollkommen verschwitzt schrecke ich aus meinem Traum hoch. Ich spüre die Reste eines kurzen Windhauchs am geöffneten Fenster. Im ersten Moment kann ich mich nicht orientieren, die Welt verschwimmt zwischen Traum und Wirklichkeit. Fetzen des Traumes dümpeln noch in meinem Kopf umher, immer auf der Suche nach einer Speichermöglichkeit in meinem Kopf. Die surrealen Situationen meiner Träume beschäftigen mich schon lange, allein die Möglichkeit, sie zu fassen, blieb mir bisher verwehrt.
    Ich stehe auf und schleppe mich durch den langen Gang zur Küche. Konzentriert darauf, nicht zu vergessen, was ich gerade im Traum erlebt habe, streife ich mit meiner Hand an der Wand entlang. Es hilft mir, mich in der Dunkelheit zurechtzufinden, denn jeder optische Eindruck, der durch Licht oder Geräusche ausgelöst wird, verhindert ein Erinnern.
    Ich schließe meine Augen, greife zum Kühlschrank und nehme mir eine kalte Flasche Wasser heraus, die ich zur Hälfte mit einem einzigen Zug leere. Die abgesessene Couch am anderen Ende der Küche lädt mich zum Verweilen ein. Ich setze mich hin und fixiere eine Fliese an der gegenüberliegenden Wand, ein kleines Quadrat am anderen Ende des Raums. Meine Augen sind geöffnet, gleichzeitig versinke ich in einer monotonen Stille aus Traum und Wirklichkeit.
    Nach einer Weile durchquert jemand den Raum. Einer jungen Frau scheint es ähnlich zu ergehen wie mir. Sie ist schlank, hat dunkle mittellange Haare und trägt ein weites T-Shirt, das ihr bis über den Po reicht. Ihre schlanken Beine tragen sie leicht zum Waschbecken und ich bemerke ihre Erleichterung, als sie endlich etwas getrunken hat. Sie dreht sich um und hält inne. Offensichtlich hat sie mich bemerkt, kommt auf mich zu und stößt leicht mit ihrem Zeh gegen die Couch. “Ich bin Julia”, flüstert sie mir zu. Ein schöner Name, eine schöne Frau. In der Dunkelheit kann ich ihre Augenfarbe nicht erkennen.

    “Ich bin Paul. Und ich habe gerade meinen Traum vergessen.”

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