Neunundvierzig

Blitzblaue Augen stechen aus dem Großstadtgrau, seine Augen, sind schon da, bevor er sein Ziel richtig fassen kann. Die nassen Haare kleben an den Wangen, bis auf die Schultern seiner schwarzen Bikerjacke, und Regentropfen wie Tränen übers ganze Gesicht, wunderschön. Er eilt nicht, ist sowieso schon ganz durchweicht, und der Bus kommt erst in ein paar Minuten.

Da läuft er über die Straße, bei rot, in weinroten – blutroten? – Chinos, den Rucksack nur über eine Schulter geworfen. Der Wind weht seine dunkle Mähne in alle Richtungen, ein Bild für die Ewigkeit, schon vorbei. Er ist spät dran, sein Bus fährt schon in die Haltestelle ein, als er die Kreuzung überquert. Die Nummer 49, immer diese.

Seinen Kopf in einen dicken Schal vergraben, Kapuze und Kopfhörer machen sein Gesicht fast unsichtbar, steckt er sich scheinbar in Gedanken eine Zigarette an. Ein Schritt links rechts links… rechts, ein paar Schritte hin und her in der Haltestelle. Dort ist es windgeschützt, doch die Kälte frisst sich durch. Immer wieder ein Blick auf die Uhr, dazwischen völlige Abwesenheit in seinem Ausdruck.

Er ist nicht alleine. Ein Mädchen, etwas kleiner, etwas pummelig, seine Schwester – seine Freundin? Sommerlachen zwischen zwei Schritten, sie trinken Cola. Ihre Stimme hört man schon von Weitem, ihr oranges Sommerkleid, doch seine Worte bleiben unverständlich. Erwärmt ihr Anblick seine eiskalten Augen, seine rätselhaften Augen? Er lächelt, zeigt irgendwohin, nicken, verabschieden. Sie küssen sich nicht.

Große Schritte, noch zwei, noch drei, der Busfahrer öffnet die Türe erneut, geschafft. Stufe, Stufe, schließen, Abfahrt.

Er raucht. Er steht. Er liest. Er hört Musik. Nebensächlichkeiten verschleiern seine reine Gestalt, eine Falte auf der Stirn, die großen, warmen Hände in den Hosentaschen. Die Haarsträhnen über seiner Stirn lassen im Sonnenlicht Schatten auf seinem Gesicht tanzen.

Irgendetwas ist neu an ihm, irgendwie frisch. Er lächelt nicht, und trotzdem strahlt er, oder etwas in ihm. Fast vergisst er, einzusteigen, so vertieft in die Welt. Schritt, Schritt, weg ist er.

Er hat sehr prägnante Wangenknochen, die glänzen in der Wintersonne. Und fast immer die Kopfhörer, Sennheiser oder so, die lassen keine Musik nach außen. Der Bus fährt ein und er fährt mit.

Die Menschen drängen sich in der Haltestelle, der Regen treibt sie von der Straße. Er ist der Ruhepol. Gleich ist er weg.

Er steigt in den Bus ein, Nummer 49. Ich gehe ihm nach, dem Geräusch seiner Chucks zwei Meter vor mir, das ist nicht mein Bus. Seine Augen und meine.
Hallo, ist da noch frei?

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