Nachts

Die besten Gespräche führten wir in der Nacht. Nachts, wenn die Gedanken frei und flüchtig waren, wenn sie uns durch schwarze Wälder jagten, oder wir ihnen kaum zu folgen vermochten, im Fluss der Zeit, und festhalten konnten wir sie selten. Wir sprachen sprichwörtlich über Gott und die Welt, aber eigentlich auch buchstäblich, und gelangten dabei vom Hundertsten ins Tausendste und wieder zurück. Wir stießen vor in unerforschte Weiten, zugleich in dem Bewusstsein, dass kaum ein Gedanke uns einholen, der noch nicht gedacht, kein Wort über unsere Lippen kommen würde, das noch nicht gesagt. Und während uns selbst die Banalität dessen beinahe unerträglich wurde, kamen wir nicht umhin, unsere Gedanken weiter zu treiben und treiben zu lassen, nur um dieses Gefühl aller Gefühle, den Inbegriff des Platonischen, die verkörperlichte Reflexion zu erleben, und wieder und wieder zu durchleben. Wir genossen die vollkommene Auflösung des Selbst in der Hingabe an eine Idee und litten am unermesslichen Narzissmus der Menschheit, und quälten uns damit letzten Endes nur selbst und zu keinem Zweck außer dieser selbstvermessenen Befriedigung. Wir denunzierten Weltanschauung um Weltanschauung und gaben uns den kleinsten Dingen hin, als wären sie bedeutend oder auch nur irgendwie mehr als vollkommen minderwertig, während wir oder irgendjemand tatsächlich niemals die wahre Bedeutung irgendwovon erahnen konnten. Doch so groß war unsere Sehnsucht nach Sinn und so ohnmächtig standen wir der lebensbeherrschenden Sinnleere gegenüber, dass wir uns bei all der gefühlten Endgültigkeit nichts weniger wünschen konnten, als etwas in der Welt zu finden, das zumindest dem innersten Bedürfnis gerecht wurde, sich Einzigartigkeit einbilden zu können. So klammerten wir uns an Hoffnungen und gingen doch nie so weit, daraus Erwatungen sprießen zu lassen und waren unseren Phantasien und Vorstellungen doch hingebungsvoll ausgeliefert. Wir bewunderten die Erde und das Leben, dass scheinbar alles auf wundersame Weise zusammenklang und zusammenspielte, und aus der Bewunderung wuchs Demut, aus Demut wurde Ohnmacht, aus Ohnmacht befreite uns Aggression. Daraus gedeihte Abscheu, denn wir verabscheuten die Schlechtheit dieses Kreislaufs, der in Wahrheit nur eine Abwärtsspirale sein konnte, ohne Sinn und ohne Ziel, und doch fehlte uns der Weitblick oder auch nur die Erkenntniskraft, Bewunderung von Abscheu, eins vom anderen zu trennen, oder auch nur bedeutungsvoll nebeneinander stehen zu lassen. Wir wollten Hass, wie wir Liebe wollten, Leben wie Tod und waren doch unfähig, darüber zu entscheiden, aber unbändig im Verlangen nach Eindeutigem und Endlosem. So durchbrachen wir die Dunkelheit, Nacht für Nacht, und füllten sie mit grellen Gedankenspielen oder grauschwarzen Lebensängsten, bis kein noch so kleiner Fleck mehr leer sein konnte, außer der Unendlichkeit. Und während wir so lagen und redeten und schweigten, bohrten unsere Blicke schwarze Löcher in die Luft und wagten nur bei angehaltenem Atem, dem Auge des anderen zu begegnen. Wir waren einander so nah und so fern, so vertraut und ganz fremd schon im nächsten Augenblick und die Zeit flog dabei davon. Mit den ersten Sonnenstrahlen holte uns der Schlaf.

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